Die Abfallentsorgungs- und Recyclingwirtschaft hat ein riesiges Potenzial

Von Matthias Raith, Hauptgeschäftsführer des BDE – Schon die grundlegenden Kennzahlen – Umsatzvolumen ca. 50 Mrd. € pro Jahr bei mehr als 200.000 Beschäftigten – machen deutlich, dass die Abfallentsorgungs- und Recyclingwirtschaft eine erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung hat.
Die Branche zeichnet sich indessen durch eine Reihe außerordentlicher Merkmale aus. Erst diese zeigen die wahre Bedeutung von Abfallentsorgung, Recycling und Gewinnung von Sekundärrohstoffen für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.

Entwicklung der Branche durch staatliche Vorgaben
Die Branche ist nicht wie die meisten anderen Bereiche der Wirtschaft aufgrund von spontan entstandenen Bedürfnissen oder Wünschen einer Vielzahl einzelner Menschen entstanden. Die Abfallentsorgung hat ihren Ursprung in der von der Politik erkannten Notwendigkeit zur Reinigung der Städte. Sie hat sich über Jahrzehnte kontinuierlich nach den Vorgaben der Politik, mit entschlossenem unternehmerischem Einsatz und in enger fachlicher Abstimmung u.a. mit den Umweltministerien des Bundes und der Länder sowie der europäischen Institutionen bis zur heutigen Marktreife entwickelt: Diese besondere Art der staatlichen Patenschaft ist beispielgebend für staatliche Umweltpolitik, die ihre Ziele durch beharrliche Wirtschaftsförderung erreicht.

Von Gefahrenabwehr zum Wirtschaftssektor
Während die frühe Abfallbeseitigung zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung diente, hat sich die Entsorgung von einem öffentlich bestimmten Subjekt des Ordnungsrechts zu einer durch Wertschöpfung auf vielen Ebenen geprägten, vielfältigen Branche mit marktgerechten Leistungen von hoher gesellschaftlicher Relevanz rund um Abfälle aller Art entwickelt. Sie ist ein nicht mehr wegdenkbarer, integrierter und notwendiger Versorger unserer Industriegesellschaft.

Vom Dienstleister zum Produzenten
Die Unternehmen der Branche verändern ihre Tätigkeit immer mehr von der Transportdienstleistung zur Produktion. Die Abfallentsorgungs- und Recyclingwirtschaft stellt Energie und Rohstoffe aus scheinbar nicht mehr benötigten Altstoffen her. Selbstverständlich verknüpft sie dabei ihre Produktion mit ihrer spezialisierten und bewährten Beschaffungs- und Distributionslogistik.

Immer wieder: mittelständische Strukturen
Die Branche ist beispielhaft mittelständisch geprägt und damit in vorbildlicher Weise wettbewerbsorientiert und gut gegen Krisen gewappnet. Sie unterliegt zwar ebenso wie andere Wirtschaftsbereiche kontinuierlich der Tendenz zur Konzentration zu größeren Einheiten. Im Zusammenhang mit dem Einstieg großer Energieversorger Anfang der 90er Jahre und ihrem kontinuierlichen Wiederausstieg einige Jahre später hat die Entsorgungsbranche aber wie kein anderer Wirtschaftsbereich den Nachweis erbracht, dass eine Vielfalt von spezialisierten Anbietern offensichtlich besser in der Lage ist, marktgerechte und flächendeckende Leistungen zu erbringen als Mischkonzerne. Die Branche befindet sich heute in einem lebendigen, vielschichtigen Wettbewerb zwischen unterschiedlichsten Unternehmen – von kleinen, oft nur örtlich tätigen Betrieben bis hin zu Großunternehmen, die sehr erfolgreich aus solchen lokalen Aktivitäten gewachsen und teils bis heute in Familienbesitz sind.

Alleinstellungsmerkmal: Erfahrung mit Abfällen
Bei der Belieferung der Wirtschaft mit aus Abfällen gewonnenen Roh- und Brennstoffen von beschreibbarer, hoher Qualität hat die Branche ein nicht austauschbares Alleinstellungsmerkmal: Nur Abfallentsorger können mit Abfällen der verschiedensten Arten, also mit in der Regel nicht beschreibbaren Stoffgemischen, sachgerecht und umweltschonend umgehen. Niemand kann besser beurteilen, welche Stoffe getrennt erfasst, gesammelt und aufbereitet werden müssen, um die Umweltschutzziele der Vermeidung, Verwertung zu erreichen und, soweit notwendig, die Schadstoffe gefahrlos und wirtschaftlich machbar zu beseitigen.

Beitrag zum Klimaschutz
Die Branche leistet einen markanten Beitrag zum Klimaschutz. Nach den Feststellungen des Sachverständigenrates für Umweltfragen beinhalten Abfälle, gemessen in Co²-Äquivalenten, in Deutschland das viertgrößte Gefährdungspotential für die Erderwärmung. Die Abfallentsorgungswirtschaft hat mit der praktischen Umsetzung des in der „Technischen Anleitung Siedlungsabfälle“ verfügten Endes des Deponiezeitalters vorbildlich gezeigt, wie sie diese Gefährdungspotentiale minimieren kann. Gemessen an den Herausforderungen des globalen Umweltschutzes hat sie das Zeug, weitere, große Aufgaben zu bewältigen. Die Branche bündelt Erfahrung, Wissen und Technologien für Ressourcen- und Energieschonung, für Emmissionsvermeidung und nachhaltiges Wirtschaften in ganz wesentlichen Bereichen unserer modernen Industriegesellschaft.

Private und Kommunale: Seite an Seite im Wettbewerb
Die Branche ist, soweit es um die Entsorgung der Städte geht, mitten im System der Marktwirtschaft, von einem einzigartigen, brancheninternen Miteinander von privaten und kommunalen Betrieben geprägt. Das ist verständlich aus der Geschichte der Abfallbeseitigung, die ursprünglich dem Schutz der Stadtbürger gegen Seuchen diente. Fakt ist, dass sich kommunale und private Unternehmen bis heute für die Beseitigung und Nutzbarmachung von Siedlungsabfällen zu etwa gleichen Teilen engagieren. Öffentliche und private Unternehmen sind ungleiche Brüder, aber keine Feinde. Denn sie verfolgen mit der Städtereinigung und der Aufbereitung der gesammelten Reststoffe zu verwertbaren Rohstoffen dasselbe Ziel für die Bürger und die Umwelt. Sie arbeiten fallweise in gut funktionierenden Verbundunternehmen zusammen. Es ist Sache einer vorsorgenden Wirtschaftspolitik, für gleiche Startbedingungen in diesem Wettbewerb zu sorgen (z.B. hinsichtlich der Ausschreibungs- und Vergaberegeln oder der Besteuerung). Damit wäre nicht nur der weiteren Technologieentwicklung in der Branche, sondern den Kunden der Entsorger aus Industrie, Gewerbe und öffentlichen Körperschaften am besten gedient. Sie hätten die freie Wahl, sich aus chancengleichen Wettbewerbern für den besten Anbieter zu entscheiden.

Nicht ins Ausland verlagerbar
Die Erzeugung von Energie und Rohstoffen aus Abfällen ist ebenso wie die Sammlung und der Transport dieser Abfälle sachlich und räumlich untrennbar mit den Siedlungen unserer Bürger und Gewerbe- bzw. Industrieunternehmen in Deutschland verbunden. Die Entsorgungsbranche kann im Gegensatz zu manchen anderen Wirtschaftssektoren die wesentlichen Bereiche ihrer Wertschöpfung nicht ins Ausland verlagern. Nicht zuletzt deshalb liegt die wirtschaftspolitische Begleitung der Branche durch weitere Schaffung gerechter Rahmenbedingungen dauerhaft im deutschen Interesse.

Hohes Exportpotenzial
Die aufgrund deutscher Rahmenbedingungen realisierten und vorzeigbar funktionierenden Technologien der Abfallaufbereitung und Rohstoffherstellung stoßen auf weltweites Kaufinteresse. Die Erfahrungen der deutschen Entsorger sowie der für sie tätigen Maschinen- und Anlagenbauer und Finanziers werden unter dem Eindruck internationaler Gesundheits- und Umweltschutzstrategien in den kommenden Jahren in weit höherem Maße als bislang schon gefragt sein. Bereits heute sind die Nutzung deutscher Entsorgungs- und Recyclingtechnologien und die Bereitschaft deutscher Unternehmen zum Betrieb von Anlagen vor Ort in Osteuropa und Asien ohne Alternative. Auch in den USA sind deutsche Recyclingspezialisten im Zuge der Verteuerung der Primärressourcen zunehmend engagiert.

Hohes Wachstumspotenzial
Das Wachstumspotenzial der Branche innerhalb Deutschlands ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Rückläufige Abfallmengen sind das von Politik, Verwaltung und Entsorgern gemeinsam angestrebte Ziel; sie sind für eine zu befürchtende Stagnation der Branche auch nicht annähernd ein beweiskräftiger Indikator. Dagegen lösen Verknappung und steigende Preise für Primärrohstoffe ebenso Innovations- und Wachstumsimpulse aus wie die bevorstehende praktische Umsetzung der international vereinbarten Klimaschutzziele. Sie bewirken auch weiterhin qualitatives und quantitatives Wachstum in der Technologieentwicklung und -anwendung der Branche.

 


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